Stammsystem bestimmen und Prioritäten richtig anwenden
Bevor du dich an Positionen, Klammern oder Bindestriche wagst, musst du eine einzige Entscheidung treffen – und zwar richtig: Welcher Ring im Polygonsystem ist das Stammsystem? Diese Wahl steht ganz am Anfang jeder Benennung und alle weiteren Schritte hängen davon ab. Sitzt sie schief, ist auch der Rest des Namens falsch, ganz gleich, wie sauber du danach arbeitest. Genau deshalb lohnt es sich, hier nicht zu „raten“, sondern stur einem zweistufigen Vergleich zu folgen.
Was ist das Stammsystem überhaupt?
Das Stammsystem ist der Ring, der dem ganzen Namen seinen „Nachnamen“ gibt. Er steht ganz hinten in der Benennung, alle anderen Ringe werden als Substituenten in Klammern davorgehängt. In unserem Regelwerk (siehe Übungskapitel) ist das Regel R1 in Verbindung mit R3.
Stell dir das wie eine Familie vor: Es gibt einen Stammhalter, an dem alle anderen Familienmitglieder „hängen“. Der Stammhalter wird zuletzt genannt – aber die Auswahl, wer Stammhalter ist, passiert zuerst und folgt ganz klaren Spielregeln.
Zwei Kriterien – und zwar in dieser Reihenfolge
Für die Wahl des Stammrings zählen genau zwei Eigenschaften, und zwar hierarchisch:
- Eckenzahl (R1, erstes Kriterium): Der Ring mit den meisten Ecken gewinnt. Punkt.
- Farbpriorität (R1, zweites Kriterium): Nur wenn zwei oder mehr Ringe dieselbe maximale Eckenzahl haben, entscheidet die Farbe – und zwar gewinnt die kleinere Prioritätszahl (R2).
Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar. Ein größerer Ring mit „schlechter“ Farbe schlägt immer einen kleineren Ring mit „guter“ Farbe. Erst bei Gleichstand schaut man überhaupt auf die Farbe.

Im linken Fall reicht es, die Ecken zu zählen: Sechs schlägt Fünf. Dass Weiß eigentlich die höchste Farbpriorität (1) trägt, ist hier vollkommen irrelevant – die zweite Stufe wird gar nicht erreicht. Im rechten Fall sind beide Ringe Sechsecke, also gleich groß; jetzt – und erst jetzt – schaut man auf die Prioritätstabelle und nimmt die kleinere Zahl.
Die häufigste Fehlerquelle in diesem Schritt ist, beide Kriterien parallel oder in falscher Reihenfolge zu prüfen. Eine knallige Farbe darf dich nie dazu verleiten, einen kleineren Ring zum Stamm zu erklären. Lies R1 wirklich als zwei aufeinanderfolgende Filter: erst „größte Eckenzahl“, dann – und nur falls nötig – „beste Farbe“.
Drei typische Denkfallen
In Erfahrungsberichten und beim Training tauchen immer wieder dieselben drei Stolperstellen auf. Wenn du sie kennst, bist du ihnen schon halb entkommen.
Falle 1 – „Ich schaue nur auf die Farben.“ Manche Lernende lesen die Prioritätstabelle und scannen das Polygonsystem ab dem Ring mit der höchsten Farbpriorität. Das fühlt sich systematisch an, ist aber falsch: Ein roter Dreier verliert gegen einen grauen Achter, weil die Eckenzahl an erster Stelle steht.
Falle 2 – „Ich schaue nur auf die Eckenzahl.“ Die umgekehrte Falle: Man wählt sofort das größte Polygon, ohne zu prüfen, ob es ein zweites gleich großes gibt. Solange wirklich nur ein Ring die maximale Eckenzahl hat, geht das gut. Sobald es zwei Sechsecke (oder zwei Achtecke) gibt, brauchst du R1 in voller Länge.
Falle 3 – „Bei Gleichstand greife ich willkürlich zu.“ Wenn zwei Kandidaten dieselbe Eckenzahl haben, gibt es immer eine eindeutige Antwort über die Farbpriorität. Es gibt kein „kommt nicht so genau drauf an“. Im Zweifel: Prio-Tabelle daneben legen, kleinere Zahl gewinnt.
Anwendung: Stammring in einem verzweigten System
Schauen wir uns ein verzweigtes System an, wie es im Test typisch ist. Die folgende Grafik orientiert sich an unserer internen Übungsaufgabe 3 aus dem Übungskapitel: ein Polygonsystem mit insgesamt sechs Ringen, in dem du den Stammring erst einmal heraussuchen musst.

Wenn du das System siehst, kann der Blick schnell auf das große grüne Sechseck unten oder auf das blaue Siebeneck oben fallen. Beide sind groß, beide fallen optisch auf. Die saubere Vorgehensweise ist trotzdem stur:
| Ring | Eckenzahl | Farbpriorität |
|---|---|---|
| ge/8 | 8 | 2 |
| bl/7 | 7 | 3 |
| gr/6 | 6 | 4 |
| ga/5 | 5 | 6 |
| gr/4 | 4 | 4 |
| br/3 | 3 | 5 |
Schritt 1 – größte Eckenzahl: Das gelbe Achteck ge/8 hat als einziges acht Ecken. Damit ist der Stammring eindeutig bestimmt, ohne dass die Farbpriorität überhaupt ins Spiel kommt. Das blaue Siebeneck und das grüne Sechseck sind zwar groß, aber eben nicht groß genug.
Hätten zwei Ringe acht Ecken, müsstest du R1 in voller Länge anwenden – derjenige mit der kleineren Prioritätszahl gewinnt. Das hätten wir hier ohne weiteres lösen können, weil Gelb (Prio 2) jeden anderen Achteck-Kandidaten schlagen würde, außer Weiß (Prio 1).
Bei Polygonsystemen mit fünf oder mehr Ringen lohnt es sich, mental eine Mini-Tabelle anzulegen wie oben: jeder Ring eine Zeile, Eckenzahl und Farbpriorität in zwei Spalten. So entgeht dir kein Kandidat, und der Vergleich wird automatisch korrekt. Mit etwas Übung läuft das im Kopf in ein paar Sekunden.
Stammring ≠ Position 1 – die wichtigste Unterscheidung
Hier kommt der Punkt, an dem im Test überraschend viele Punkte verloren gehen, weil zwei verschiedene Schritte verwechselt werden:
Schritt A – Wahl des Stammrings (R1): Welcher Ring trägt den Namen am Ende? Hier vergleichst du alle Ringe im System anhand von Eckenzahl und Farbe.
Schritt B – Wahl der Position 1 am Stammring (R7a): Welche Ecke des Stammrings erhält die Nummer 1? Hier vergleichst du nicht alle Ringe, sondern nur die direkt am Stammring hängenden Substituenten: Wer von diesen hat die größte Eckenzahl (bei Gleichstand: höchste Farbpriorität)? Genau an dessen Verbindungsecke startet die Zählung.
Beide Schritte benutzen dasselbe Prinzip („mehr Ecken zuerst, dann Farbe“), aber sie schauen auf unterschiedliche Mengen von Ringen. Wenn du das durcheinanderbringst, wählst du entweder den falschen Stammring oder die falsche Startecke – und der ganze Name kippt.

Auf unser Übungsbeispiel angewendet: Im linken Schritt gewinnt ge/8, weil das Achteck unter allen Ringen die meisten Ecken hat. Im rechten Schritt schauen wir nur noch auf die drei direkten Nachbarn des Achtecks – bl/7, ga/5, gr/6. Davon ist bl/7 mit sieben Ecken am größten, also wird die Verbindungsecke zwischen ge/8 und bl/7 zur Position 1. Das grüne Sechseck gr/6 ist zwar das zweitgrößte Polygon im Gesamtsystem – im Wettbewerb um Position 1 spielt das aber keine Rolle, weil bl/7 direkt am Stamm sitzt und mehr Ecken hat.
Die Details des Durchnummerierens – also die Frage, ob im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn gezählt wird und wie die Indizes zum Vergleich aufaddiert werden – sind dann Gegenstand des nächsten Unterkapitels „Positionsbestimmung und Wahl der Zählrichtung“.
Was du dir aus dieser Seite mitnehmen solltest
Die Wahl des Stammrings ist die erste und entscheidende Weichenstellung jeder Benennung. Sie folgt einem ganz simplen, aber strikt geordneten Filter: erst Eckenzahl, dann – falls nötig – Farbpriorität. Trenne diesen Schritt sauber von der späteren Wahl der Position 1: beim Stammring konkurrieren alle Ringe, bei Position 1 nur die direkten Nachbarn des Stamms. Wenn du diese Disziplin von Anfang an einübst, sparst du dir später unzählige Folgefehler – und genau das ist, warum dieser Untertest in den Erfahrungsberichten als so dankbar und punkteträchtig gilt: Wer die ersten zwei Schritte sauber hat, gewinnt den Großteil der Aufgaben fast automatisch.
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