Vom Namen zum passenden Polygonsystem
In Übungskapitel zuvor hast du den Weg vom Bild zum Namen eingeübt. Jetzt drehen wir die Richtung um: Du siehst nur eine Zeichenkette wie [1.br/5].[3.ge/3].[4.gr/4].bl/6 und musst herausfinden, welche Skizze unter den fünf Antworten dazu passt. Dieser Weg ist auf den ersten Blick anders, folgt aber einer klaren Lesestrategie – wenn du sie kennst, sparst du im Test enorm viel Zeit, gerade weil du am Laptop nicht immer alle fünf Bildvarianten gleichzeitig sehen kannst und nicht ständig hin- und herscrollen willst.
Von hinten nach vorn lesen
Die wichtigste Einsicht zuerst: Der Stammring steht am Ende des Namens. Das ist die ganze Architektur des Regelwerks – außen am Namen liegt das Wichtigste, innen liegen die Details. Wer einen Namen wie ein deutsches Wort von links nach rechts liest, verliert sofort die Übersicht, weil er erst durch alle Substituenten wandert, bevor er erfährt, woran sie überhaupt hängen.
Die saubere Lesereihenfolge ist deshalb umgekehrt:
- Letzter Block (ganz rechts): Das ist der Stammring. Welche Farbe, wie viele Ecken? → Damit weißt du, wie das zentrale Polygon aussieht.
- Eckige Klammern vor dem Stammring (von rechts nach links lesen): Jede dieser Klammern ist ein Substituent, der direkt am Stammring sitzt. Die erste Zahl in der Klammer ist die Position am Stammring.
- Klammern innerhalb einer Klammer: Das sind Substituenten an einem Substituenten. Erst dranhängen, wenn der äußere Ring schon liegt.
Diese „Außen-zuerst”-Lesart spiegelt genau, wie das Polygonsystem aufgebaut wurde: Stammring zeichnen, dann äußere Ringe daran hängen, dann eventuelle Anhängsel an diese Ringe. Die folgende Skizze macht das sichtbar:
Die Leserichtung verläuft entgegen der Schreibrichtung. Du startest beim Stammring (gelbes Achteck), hängst dann von rechts nach links die direkten Substituenten an (graues Fünfeck auf Position 3, danach blaues Siebeneck auf Position 1) und kümmerst dich erst zuletzt um das, was im Inneren der äußersten Klammer steht (das grüne Viereck am blauen Siebeneck).
Chunking: Den Namen in Bausteine zerlegen
Lange Klammerketten wirken einschüchternd, sind aber in Wahrheit aus immer gleichen Bausteinen aufgebaut. Wenn du gelernt hast, diese Bausteine als Block zu erkennen, statt Zeichen für Zeichen zu lesen, verschwindet die meiste Komplexität.
Drei Bausteinarten reichen aus:
| Baustein | Form | Bedeutung |
|---|---|---|
| Ringkennung | xy/n (z. B. bl/6) |
Ein Ring: Farbe + Eckenzahl |
| Direktsubstituent | [Pos.Ringkennung] (z. B. [3.ge/3]) |
Ring hängt an Position Pos des übergeordneten Rings |
| Verschachtelter Substituent | [Pos.[…].[…].Ringkennung] |
Ring mit eigenen Anhängseln |
Beim Lesen markierst du gedanklich (oder mit dem Cursor / Finger am Bildschirm) die Klammergrenzen. Eine schließende Klammer ] gehört immer zur am weitesten innen liegenden offenen [. Das klingt trivial, ist aber im Test der Punkt, an dem viele scheitern – sie verlieren die Klammertiefe und verwechseln einen direkten mit einem verschachtelten Substituenten.
Schauen wir uns das am Namen aus unserer Übungsaufgabe 3 an, der besonders viele Ebenen hat:

Sobald du diese Baumstruktur im Kopf hast, ist der Rest reines Abhaken: Welcher Ring sitzt auf welcher Position? Je tiefer du in die Klammern hineingehst, desto kleiner wird der „lokale Ring”, an dem du gerade die Position abliest – das Wechseln der Bezugsbasis ist der entscheidende Schritt.
Eine innere Strukturübersicht aufbauen
Bevor du ins Bilderraten gehst, solltest du dir eine eigene minimale Strukturskizze im Kopf anlegen – eine Art Steckbrief des gesuchten Polygonsystems. Diese Übersicht ist robuster als das Hin-und-her-Springen zwischen fünf ähnlich aussehenden Antworten.
Für den Namen aus unserer Übungsaufgabe 2 – [1.br/5].[3.ge/3].[4.gr/4].bl/6 – sieht der Steckbrief so aus:
| Ebene | Ring | sitzt an Position … von … |
|---|---|---|
| Stammring | bl/6 (blaues Sechseck) |
– |
| Substituent | br/5 (braunes Fünfeck) |
Position 1 am Stammring |
| Substituent | ge/3 (gelbes Dreieck) |
Position 3 am Stammring |
| Substituent | gr/4 (grünes Viereck) |
Position 4 am Stammring |
Drei Aussagen reichen, um vier von fünf Antworten auszuschließen:
- Position 1 trägt den größten Substituenten (R7a) – also
br/5. Eine Skizze, in der das Viereck oder Dreieck auf Position 1 sitzt, fällt sofort raus. - Position 3 ist
ge/3– nicht 2, nicht 4. - Position 4 ist
gr/4– nicht 5, nicht 6.
Genau diesen Vergleich übst du in unserer Übungsaufgabe 2: Fünf Strukturen, alle mit denselben vier Ringen, die sich nur in der Anordnung unterscheiden. Die Aufgabe testet ausschließlich, ob du Lokanten korrekt aus dem Namen herausliest und auf die Skizze überträgst.

[1.br/5].[3.ge/3].[4.gr/4].bl/6. Erst der Stammring mit nummerierten Ecken, dann reihum die Substituenten – exakt in der Reihenfolge, in der sie im Namen stehen.Wichtig ist die kleine, oft übersehene Pointe: Du musst beim Anlegen des Stammrings selbst entscheiden, in welche Richtung du nummerierst. Das Regelwerk legt die Richtung fest, sobald die Substituenten platziert sind (kleinere Indexsumme gewinnt) – aber für den Vergleich mit den Antwortbildern reicht es, wenn du Position 1 dort markierst, wo der größte Substituent sitzt, und dann gedanklich beide Drehrichtungen offen hältst. Eine Antwortskizze ist dann passend, wenn sich eine der beiden Zählrichtungen mit den geforderten Lokanten deckt.
Verschachtelte Substituenten: die Basis wechseln
Bei Namen mit Klammern in Klammern – wie in unserer Übungsaufgabe 3 – kommt eine zweite Schwierigkeit dazu: Sobald du in eine innere Klammer eintauchst, wechselt der Bezugsring. Eine Position „2” in der inneren Klammer meint nicht mehr Position 2 am Stammring, sondern Position 2 am vorher genannten Substituenten.
Konkret: In [1.[2.gr/4].[4.br/3].bl/7] ist der äußere Substituent bl/7, das blaue Siebeneck. Es sitzt auf Position 1 des Stammrings. Innerhalb dieser Klammer beziehen sich die Positionen 2 und 4 auf das Siebeneck selbst – nicht mehr auf den Stammring. Und die Position 1 des Siebenecks ist nach R8 automatisch jene Ecke, mit der es am Stammring hängt.
Dieses Umdenken bei jeder Klammertiefe ist der häufigste Stolperstein beim Rückwärtslesen. Stell dir das wie eine Russische Matrjoschka vor: Du öffnest eine Schicht, jetzt ist diese Schicht dein neuer Bezugspunkt, alle weiteren Zahlen gelten relativ dazu.
Wenn ein Substituent eigene Anhängsel hat, ist seine Position 1 immer die Ecke, mit der er am übergeordneten Ring hängt (R8). Das ist nicht „eine beliebige Ecke”, sondern festgelegt. Erst danach zählst du am Substituenten weiter – im Uhrzeigersinn oder Gegenuhrzeigersinn, je nachdem welche Richtung die kleinere Indexsumme ergibt.
Strategie für den Vergleich mit den Antwortbildern
Die fünf Antwortbilder sehen sich beim Test absichtlich sehr ähnlich. Genau hier hilft die innere Strukturübersicht, die du dir vorab gebaut hast – statt fünf Bilder einzeln zu prüfen, gehst du mit drei oder vier festen Prüffragen durch alle Optionen und schließt aus.
Sinnvolle Prüfreihenfolge (mit unserer Übungsaufgabe 2 als Beispiel):
- Stammring stimmt? Sechseck mit blauer Farbe. Wenn nicht, raus. (In Übungsaufgabe 2 ist das immer gleich – also überspringen.)
- Position-1-Substituent stimmt? Hier
br/5. Wenn auf Position 1 ein anderer Ring sitzt, raus. (Das schließt Variante C aus.) - Lokant des nächsten Substituenten?
ge/3muss auf Position 3 sitzen, nicht auf 2 oder 4. (Schließt Variante D aus, bei der das gelbe Dreieck direkt neben dem braunen Fünfeck sitzt.) - Lokant des dritten Substituenten?
gr/4muss auf Position 4 sitzen. (Schließt Variante E aus, bei der es auf Position 5 sitzt; und Variante B, bei dergr/4undge/3vertauscht sind.)
Nach diesen vier Prüfungen bleibt genau eine Antwort übrig. Diese systematische Eliminierungsstrategie wird im Folgekapitel zum Ausschlussverfahren noch genauer behandelt – an dieser Stelle reicht der Punkt: Vergleiche nicht ganze Bilder gegen ganze Bilder, sondern prüfe ein Lokantenkriterium nach dem anderen quer durch alle Antworten.
Aus der Erfahrung vieler Teilnehmer am Testtag: Schreibe dir den Steckbrief auf das ausgeteilte Notizpapier, sobald du den Namen liest – Stammring, dann pro Position eine Zeile mit „Position X → Ringkennung”. Drei kurze Zeilen, keine Sätze. Diese Skizze ist dein Anker, wenn du beim Scrollen zwischen Aufgabentext und den fünf Antwortbildern den Faden zu verlieren drohst, weil Bild und Optionen nicht gleichzeitig sichtbar sind.
Innere Strukturübersicht im Kopfformat
Mit etwas Training kannst du den schriftlichen Steckbrief weglassen und ihn rein mental halten. Dafür hat sich folgendes Kopfformat bewährt:
“Sechseck, oben braun-Fünf, Drittel rechts gelb-Drei, gegenüber grün-Vier.”
Solche kleinen Sprachformeln sind viel kompakter als der formale Name und passen direkt auf die Bildvergleiche. Die Lesart von hinten nach vorn ist dafür die Voraussetzung: Erst der Stammring (Sechseck), dann reihum die Substituenten in aufsteigender Position. Wer regelmäßig eigene Namen erfindet und sie in solche Kurzformeln übersetzt, gewinnt im Test deutlich an Tempo, weil das Vergleichen mit den Antwortbildern zur reinen Mustererkennung wird.
Genau dieses aktive Selbst-Konstruieren – Name lesen, Struktur im Kopf bauen, dann mit der Skizze abgleichen – ist die Übung, von der praktisch alle erfolgreichen Testteilnehmer berichten. Sie zahlt sich gerade in dieser Aufgabenrichtung aus, weil das Bildchen-Suchen sonst zur Geduldsprobe wird.
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