Mischungen und Verdünnungen sicher rechnen
Mischungs- und Verdünnungsaufgaben sind laut Erfahrungsberichten der mit Abstand häufigste Aufgabentyp im quantitativen Untertest – manche schätzen, dass damit weit über die Hälfte aller Aufgaben abgedeckt werden. Die gute Nachricht: Hinter all diesen Aufgaben steckt ein einziger Grundgedanke. Wer ihn verinnerlicht, löst auch ungewohnt formulierte Aufgaben routiniert in unter einer Minute. In diesem Kapitel ziehen wir genau diesen roten Faden durch.
Der Erhaltungsgedanke: Wirkstoff verschwindet nicht
Die zentrale Idee ist banal, wird aber unter Zeitdruck oft übersehen: Wenn du eine Lösung verdünnst oder mit einer anderen Lösung mischst, ändert sich das Volumen, aber die absolute Menge an Wirkstoff bleibt erhalten – sofern die Aufgabe keine chemische Reaktion oder einen Verlust beschreibt. Du kippst nichts weg, du fügst nur Lösungsmittel hinzu. Die Wirkstoffmoleküle, die vorher in 50 mL waren, sind hinterher in 250 mL – aber es sind dieselben Moleküle.
Mathematisch heißt das:
\[m_\text{Wirkstoff} = c \cdot V = \text{const.}\]
Wenn du also eine Stammlösung der Konzentration \(c_1\) und Volumen \(V_1\) auf das Endvolumen \(V_2\) mit der Endkonzentration \(c_2\) verdünnst, gilt die berühmte Verdünnungsformel:
\[c_1 \cdot V_1 = c_2 \cdot V_2\]
Diese Formel ist nicht zum Auswendiglernen gedacht – sie ist nur die schriftliche Form des Erhaltungsgedankens. Die folgende Skizze zeigt das Prinzip an einer schematischen Verdünnung.

Beachte: Im linken Becher schwimmen genauso viele rote Punkte wie im rechten. Verteilt sind sie nur auf ein größeres Volumen, deshalb wirken sie „verdünnter“. Genau das misst die Konzentration.
Konzentration und Menge sind nicht dasselbe
Der häufigste Denkfehler in diesem Aufgabentyp ist die Verwechslung von Konzentration (relative Größe, z. B. „4 %“) und absoluter Menge (z. B. „2 g Wirkstoff“). Halte dir diese drei Größen sauber getrennt:
| Größe | Was sie sagt | Typische Einheit |
|---|---|---|
| Volumen \(V\) | Wie viel Lösung insgesamt vorliegt | mL, L |
| Konzentration \(c\) | Wie viel Wirkstoff pro Volumeneinheit | g/mL, mg/mL, % (m/V) |
| Wirkstoffmasse \(m\) | Absolute Menge des Wirkstoffs | g, mg |
Die Beziehung ist immer dieselbe: \(m = c \cdot V\). Wenn du in einer Aufgabe nicht weiterkommst, frage dich konsequent: Was ist hier Volumen, was Konzentration, was absolute Menge? Markiere das gegebenenfalls auf dem Notizblatt – du bekommst im Test Notizpapier, viele Berichte betonen, dass man es hier wirklich braucht.
Prozentangaben richtig deuten: m/V, m/m, V/V
In Pharmazie-Aufgaben begegnen dir drei Prozentschreibweisen, die unterschiedlich zu rechnen sind:
| Schreibweise | Bedeutung | Beispiel: 5 % heißt … |
|---|---|---|
| % (m/V) | Masse pro Volumen | 5 g Wirkstoff in 100 mL Lösung |
| % (m/m) | Masse pro Masse | 5 g Wirkstoff in 100 g Lösung |
| % (V/V) | Volumen pro Volumen | 5 mL Wirkstoff in 100 mL Lösung |
In den meisten PhaST-Aufgaben wirst du % (m/V) sehen. Die Faustformel dafür: „x % (m/V)“ entspricht „x g pro 100 mL“, also \(0{,}0x\) g/mL. Beispiel: 4 % (m/V) = 4 g pro 100 mL = 0,04 g/mL = 40 mg/mL. Diese Umrechnung im Kopf zu beherrschen, ist eine der wichtigsten Routinen für diesen Untertest.
Manche Aufgaben spielen mit Dichten (z. B. „eine Lösung mit Dichte 1,2 g/mL“). Das ist die Brücke zwischen Volumen und Masse: \(m = \rho \cdot V\). Du brauchst die Dichte aber nur dann, wenn du tatsächlich zwischen Volumen- und Massenangaben umrechnen musst – etwa wenn die Konzentration in % (m/m) angegeben ist und nach einem Volumen gefragt wird. Wer reflexartig „mal Dichte“ rechnet, baut sich oft selbst eine Falle.
Beispielaufgabe Schritt für Schritt: Stammlösung verdünnen
Schauen wir uns das Vorgehen an unserer internen Übungsaufgabe 1 im Detail an. Ausgangslage: Aus einer 4 %igen (m/V) Stammlösung soll eine Endzubereitung mit 250 mL Volumen und 0,8 % (m/V) hergestellt werden. Gesucht ist das Stammlösungs-Volumen, das du vorlegen musst, bevor du mit Wasser auffüllst.
Es gibt zwei gleichwertige Denkwege – beide sollten dir locker zur Verfügung stehen.
Denkweg 1 – „über die absolute Wirkstoffmenge“: Wie viel Wirkstoff braucht die Endzubereitung überhaupt?
\[m = c_2 \cdot V_2 = 0{,}008\;\tfrac{\text{g}}{\text{mL}} \cdot 250\;\text{mL} = 2\;\text{g}\]
Dann fragst du dich: Welches Volumen Stammlösung enthält genau diese 2 g?
\[V_1 = \frac{m}{c_1} = \frac{2\;\text{g}}{0{,}04\;\text{g/mL}} = 50\;\text{mL}\]
Denkweg 2 – „über die Verdünnungsformel“: Direkt \(c_1 V_1 = c_2 V_2\) nach \(V_1\) auflösen:
\[V_1 = \frac{c_2}{c_1} \cdot V_2 = \frac{0{,}8\,\%}{4\,\%} \cdot 250\;\text{mL} = \frac{1}{5} \cdot 250\;\text{mL} = 50\;\text{mL}\]
Beide Wege geben 50 mL. Anschließend füllst du mit 200 mL Wasser auf 250 mL auf.
Im Kopf rechnet sich Denkweg 2 oft schneller – du brauchst nur das Verhältnis der Konzentrationen. Hier ist 0,8 % zu 4 % das Verhältnis 1:5, also musst du ein Fünftel des Endvolumens als Stammlösung vorlegen. Solche Verhältnis-Tricks sparen unter Zeitdruck wertvolle Sekunden.
Die folgende Grafik zeigt diesen Zusammenhang: Wenn du die Stammlösung verdünnst, bewegst du dich auf einer Hyperbel \(c \cdot V = \text{const.}\) Volumen rauf, Konzentration runter – und zwar im exakt umgekehrten Verhältnis.

Du verfünffachst das Volumen (50 → 250 mL) und gleichzeitig fünftelt sich die Konzentration (4 % → 0,8 %). Genau dieses reziproke Verhalten macht den Erhaltungsgedanken sichtbar.
Zwei Lösungen mischen: bilanzieren statt mitteln
Wenn zwei Lösungen unterschiedlicher Konzentration zusammengeschüttet werden, gilt der Erhaltungsgedanke gleich zweimal:
- Die Wirkstoffmasse addiert sich: \(m_\text{ges} = c_1 V_1 + c_2 V_2\)
- Das Volumen addiert sich (sofern die Aufgabe Volumenkontraktion vernachlässigt): \(V_\text{ges} = V_1 + V_2\)
Daraus ergibt sich die Endkonzentration als gewichteter Durchschnitt:
\[c_\text{ges} = \frac{c_1 V_1 + c_2 V_2}{V_1 + V_2}\]
Wichtig: Das ist nicht dasselbe wie \(\frac{c_1 + c_2}{2}\)! Konzentrationen darfst du nur dann einfach mitteln, wenn die beiden Volumina exakt gleich groß sind. Sobald sich die Volumina unterscheiden, musst du gewichten.
Klassischer Patzer: „Ich mische 100 mL einer 10 %igen mit 300 mL einer 2 %igen Lösung – also (10 + 2)/2 = 6 %.“ Falsch. Richtig ist \(\frac{10\cdot100 + 2\cdot300}{400} = \frac{1600}{400} = 4\,\%\). Die kleinere, aber konzentriertere Lösung zieht den Durchschnitt nicht so weit nach oben, wie das einfache Mitteln vermuten lässt – denn die größere Verdünnungslösung hat mehr „Stimmgewicht“.
Eine elegante grafische Hilfe für solche Mischungsfragen ist das Mischkreuz: Du trägst die beiden Ausgangskonzentrationen und die Zielkonzentration ein und liest direkt das Mengenverhältnis ab. Hier am Beispiel: aus 10 %iger und 2 %iger Lösung soll 4 %ig werden.
Lies das Kreuz diagonal: Die Differenz zwischen Zielwert und der einen Ausgangskonzentration gibt den Anteil der anderen Ausgangslösung an. Hier: 2 Teile der 10 %igen + 6 Teile der 2 %igen – also musst du dreimal so viel Verdünnungslösung wie konzentrierte Lösung nehmen. Für eine schnelle Plausibilitätskontrolle ist das Mischkreuz Gold wert; die formale Bilanzrechnung sollte aber dein verlässlicher Hauptweg bleiben.
Annahmen, die fast immer gelten
PhaST-Aufgaben formulieren häufig explizit eine oder mehrere der folgenden Vereinfachungen. Sie sind wichtig zu lesen, weil sie dir erlauben, idealisiert zu rechnen:
- Volumenadditivität: \(V_1 + V_2 = V_\text{ges}\). Real schrumpft das Volumen beim Mischen oft minimal (z. B. Wasser + Ethanol), aber das soll vernachlässigt werden.
- Keine Verluste: Bei Herstellungsschritten (Abwiegen, Umfüllen, Pressen von Tabletten) geht nichts verloren. Auch dies wird oft als „Masseverluste werden vernachlässigt“ angegeben.
- Keine chemische Reaktion: Die gemischten Stoffe verändern sich nicht.
- Vollständige Lösung: Der Wirkstoff ist tatsächlich gelöst, nicht teilweise als Bodensatz.
Wenn die Aufgabe solche Annahmen ausdrücklich macht, darfst du sie ohne schlechtes Gewissen nutzen. Macht sie sie nicht, behandelst du sie trotzdem als Standardannahme – sonst wäre die Aufgabe ohne weitere Daten gar nicht lösbar.
Typische Fehler, die du dir abtrainieren solltest
| Fehler | Was passiert | Wie du es vermeidest |
|---|---|---|
| Prozentwerte einfach mitteln | „10 % + 2 %, halbiert = 6 %“ | Immer Massenbilanz: \(\frac{c_1V_1+c_2V_2}{V_1+V_2}\) |
| Konzentration mit Menge verwechseln | „Ich brauche 0,8 %“ – und rechnet mit 0,8 g | Erst aus % eine Masse machen (\(c \cdot V\)) |
| Falsche Prozent-Umrechnung | „4 % = 4 g/mL“ statt 0,04 g/mL | Merksatz: % (m/V) = g pro 100 mL |
| Ergebnis größer als Endvolumen | \(V_1 > V_2\) kommt heraus | Sanity-Check: Stammlösung ist immer konzentrierter als das Ziel, also \(V_1 < V_2\) |
| Einheit verschluckt | mL und g durcheinander | Einheiten konsequent mitschreiben, nie nur nackte Zahlen |
| Mit der Dichte rechnen, obwohl unnötig | Komplizierter Umweg, oft Fehler | Dichte nur, wenn % (m/m) ↔︎ Volumen oder umgekehrt verlangt ist |
Bevor du eine Antwort ankreuzt, mach einen 5-Sekunden-Check: Liegt mein Stammlösungs-Volumen unter dem Endvolumen? Passt die Größenordnung? Würde die kleinere Konzentration plausiblerweise das größere Volumen ergeben? Bei unserer Übungsaufgabe 1 hätte ein Ergebnis wie „80 mL“ oder „100 mL“ rechnerisch zwar oft auf Anhieb möglich gewirkt – ein kurzer Blick auf das Verhältnis 0,8 % zu 4 % (= 1:5) zeigt aber sofort, dass es nur ein Fünftel von 250 mL sein kann, also 50 mL.
Vier-Schritte-Schema, das immer funktioniert
Wenn du unter Zeitdruck stehst und nicht lange überlegen willst, gehe nach diesem festen Schema vor – es zwingt dich automatisch zum Erhaltungsgedanken:
- Markiere alle Größen in der Aufgabe und beschrifte sie sauber als \(V\), \(c\) oder \(m\) (auf dem Notizpapier).
- Was ist gefragt? Volumen, Konzentration oder Masse? Markiere das Ziel.
- Bilanziere den Wirkstoff: Schreibe \(m_\text{vorher} = m_\text{nachher}\) bzw. \(c_1V_1 = c_2V_2\) auf, je nach Aufgabe.
- Stelle nach der gesuchten Größe um und rechne erst dann mit Zahlen. Vorher: Verhältnisse vereinfachen, kürzen.
Mit diesem Schema bist du nicht nur in Mischungsaufgaben vorbereitet – auch bei Dosierungsaufgaben, die im nächsten Unterkapitel behandelt werden, hilft dir genau diese Disziplin, „Menge“ und „Konzentration“ nicht zu vermischen.
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